… Für unsereins zumindest.
Heiraten ist in Kambodscha eine riesige Sache. Eine grosse Ansammlung von Traditionen und Zeremonien machen eine Hochzeit zu einem bis zu 3 Tägigen Event.
Dieses Wochenende hatte ich die “Ehre” einer Hochzeit beizuwohnen. Dass dass ich Anführungszeichen verwende hat seinen Grund. Eine Hochzeit ist auch hier eine teure Angelegenheit. Es braucht ein Zelt, Tische, Gedecke, mehrere Gerichte mit zahllosen Gängen für viele Gäste, Verzierungen, eine zweistellige Anzahl von Braut- und Bräutigamsbekleidung, Opfer, etc etc. Es gehört zum Guten Ruf, so viele Leute wie möglich einzuladen. Wer nur wenige leute einladed gilt als geizig und verliert das Gesicht.
Gäste bringen Geschenke. Diese Geschenke sind aber nicht einen Mixer oder eine neue Mikrowelle. Nein, es handelt sich um Geschenke in Geldform. Dieses Geld dient zur Finanzierung der ganzen Feierlichkeiten. Es wird genau registriert in einem Buch, welcher Gast wieviel Geld mitgebracht hat. Tönt etwas unromantisch. Ist es in meinen Augen auch. Aber das hat seinen Grund. Anhand der Liste weiss das Brautpaar, wieviel sie den einzelnen Gäste “zurückschenken” können oder sollen, wenn sie an deren Hochzeit eingeladen sind. Also ja nicht zu wenig Geld mitbringen.
Folglich ist es für die Brautfamilien interessant, dass so viele Gäste wie möglich kommen. Von dem her braucht es nicht viel, dass man an eine Hochzeit eingeladen wird. Ob man das Brautpaar kennt ist eigendlich nur zweitrangig. Als Freund eines Freundes, oder bekannter eines Onkels steht man dem Brautpaar nahe genug um teilzunehmen. Denn jeder Gast hilft die Hochzeit mitzufinanzieren.
Aber genug Theorie. Am Sonntag war es soweit. Mein Khmer Lehrer hat mich gefragt ob ich an die Hochzeit seines Bruders kommen möchte. Ich soll doch an die ganze Zeremonie kommen. Normalerweise reicht es wenn man am Abend für das grosse Fest erscheint.
Sonntag Morgen 6:30, ich treffe bei der Hochzeitsgesellschaft ein. Etwas über 100 Leute sind schon dort. Und es werden noch mehr. Man wartet auf der Strasse und wartet. In einem offenen Raum stehen Opfer und Geschenke bereit.

- Die Opfergaben werden wunderschön aufgereiht.
Einige Minuten später heisst es “Yystoo!!” Und die Braut und der Bräutigam mit deren nächsten machen sich bereit in ihrem Köstüm. (Disclaimer: Sorry, das ist nicht abwertend gemeint, hat sich nur so wunderbar ergeben =) Die Musik, der Fotograf und der Kameramann fangen jeden Augenblick ein.

Yystoo! Vorwärts...
Jeder Hochzeitsteilnehmer nimmt eine Opfergabe in die Hand und stellt sich in Zweierreihe auf. Früchte, Getränke, Fleisch, Konserven, etc, alles auf Goldenen Teller platziert und mit Plastik überzogen.
Mit Gongs wird “gereinigt”. Ich schätze, dass mit den Gongs böse Geister vertrieben werden sollten. Die Musik fängt an zu spielen und die lange Schlange setzt sich in Bewegung.

Marsch!

Fast so gross wie die alte Stainlemer
Die Frauen erscheinen in ihren schönsten Kleider aus traditionellen Khmer Stoff. Die Männer nehmen es zum Teil nicht so genau.
Die Braut wartet im Zelt. Vor dem Hochzeitszelt nehmen die Eltern der Braut den Bräutigam, dessen Familie und die ganzen Herrschaften in Empfang.

Das Empfangskommitee
Die zwei jüngeren Damen halten kleine Rote Umschläge bereit. Die Umschläge enthalten einen kleinen Geldbetrag. Jeder Gast erhält eines. Das rote Couvert steht für Glück. Das ist eine Chinesische Tradition. Der Bräutigam ist Chinesischstämmig.
Unter der Aufsicht das Zeremonienleiters findet der Austausch von Geschenken zwischen den Eltern der Braut und des Bräutigams Statt. Was die Geschenke Symbolisieren kann ich leider nicht sagen. Der Austausch wird aber ein paar Mal wiederholt, bis die perfekten Bilder im Kasten sind.

Geschenkeaustausch
Einige der Früchteteller werden auf den Tischen verteilt, der Rest wird in einem Zimmer, welches an das Zelt grenzt und zum Zeremonienraum umgestellt worden ist, vor dem Altar aufgereiht. Altäre habe ich, soviel ich mich erinnern mag, vier gesehen.

Zeremonienraum
Die Braut hat sich mittlerweile zum Bräutigam gesellt. Nun verziehen sich diese zwei um das nächste Outfit anzuziehen. Die Gäste machen es sich an den Tischen gemütlich und nehmen das Frühstück zu sich. Es gibt Reisporridge mit Chicken. Es war überraschend gut.

Frühstück im Festzelt
Die nähere Famile hat kein Zeit um zu essen. Die Zeremonie geht weiter. Während der Zeremonie verlassen die meisten Gäste das Zelt. Sie gehen nach Hause, gehen ihren Geschäften nach. Sie werden am Abend wieder kommen. Nur der engere Familienkreis bleibt.
Was sich jetzt abspielt ist schon fast ein wenig zynisch und dennoch knallharte Realität. Kleine Kinder schleichen sich ins Zelt. Sie sind schmutzig. Sie sammeln die leeren Dosen ein, die auf den Tischen stehen. Zu meinem Erstaunen fassen sie die vollen Dosen nicht an. Manchmal fragen sie die Gästen an den Tischen, ob sie etwas Früchte haben können. Die sind nicht immer einverstanden. Denn… viele der Gäste packen ihre Taschen selber voll mit Früchten und Getränkedosen, bevor sie das Zelt verlassen. Gehen von Tisch zu Tisch um zu schauen ob noch etwas übrig geblieben ist. Harte Realität. Auch wenn alles sehr glamurös aussieht, die meisten Gäste kommen aus einfachen Familien und lassen sich diese Chance nicht entgehen.

Die Familie erwartet das Brautpaar

Das Brautpaar ist umgekleidet und begrüsst sich
In Anwesenheit der Familie werden die Ringe ausgetauscht. Zusätszlich schenkt der Brätutigam der Braut eine Halskette. Auch diese Prozetur wird wiederholt bis die Hände in der genau richtigen Position sind für die Dokumentation.

Ringaustausch

Das Brautpaar gesellt sich in den Kreis der Familie
Danach wird wieder umgezogen für Familienfotos und weitere Zeremonien.

2. von links ist mein Khmer Lehrer
Die ganze Zeremonie wird teilweise von aufgenommener aber auch von Livemusik und Gesang begleitet. Mit traditionellen kambodschanischen Instrumenten, wie die “skoom kpuo” (Schlangen Trommel)

Die Musikanten spielen und singen sitzend.
Nächste Zeremonie, neues Outfit. Das Brautpar wird ins Zentrum des Zeltes geführt und an einen Tisch mit Opfergaben und den speziellen symbolischen Gegenständen gesetzt. Doch zuerst bedankt sich das Brautpaar bei den Eltern. Wie mir gesagt wurde, wird für das Grossziehen und die Übergabe des Ehepartners gedankt.

Die Ehrung der Eltern in Anwesenheit der Trauzeugen
Bevor es weiterging eine zwischeneinlage von den zwei Musikanten. Ich weiss nicht genau was sie erzählt haben, aber es wurde viel gelacht gesungen und getanzt.
In der nächsten Zeremonie wurden die Eltern aufgefordert, dem Brautpaar die Haare symbolisch zu schneiden. Mit einer goldenen Schere und einem goldenen Kamm. Auch dies “for good luck”.

Kamm, Schere, Spiegel und Haarspray
Nach den Eltern durften auch die anderen zum Werkzeug greifen. Und zum Haarspray. Nach etwa 30 Friseurgängen waren die Haare wahrscheinlich hart wie Stein.

Auch ich durfte mit der goldenen Schere spielen.
Dann kam es zur eigendlichen Vermählung. Zu dieser Zeremonie sind nur verheiratete Paare eingeladen. Das Brautpaar hält ein Schwert in den Händen. Ein Geldgeschenk wird auf dem Schwert abgelegt. Dem Bräutigam und der Braut wird ein Rotes Garnband um das Handgelenk gebunden. Von allen Onkeln, Tanten, Eltern und Grosseltern. Diese Bänder stehen auch für Glück. Mit einer nassen Rose wird Wasser auf die gebundenen Bänder gespritzt. Dieser ganze Akt war sehr emotional und es wurden viele Tränen vergossen.

Ein glücklicher Moment. Dieses Mal in goldener Kleidung.
Das war die letzte Zeremonie vor dem Mittagessen. Nach dem Mittagessen wurde eine Pause eingelegt. 6 Stunden Zeremonie gehen an die Substanz. Und der Tag ist noch lang.
Am Abend treffen wir uns wieder. Das Zelt ist bis zum letzten Tisch mit Gästen gefüllt. Als Begrüssung gibt es ein Foto mit dem Brautpaar und ein kleines Chinesisches Stofftier als Schlüsselanhänger. Laute Musik schrillt in unseren Ohren und machen jegliche Gespräche unmöglich. Auf jedem Tisch steht das Gedeck in Plastik verpackt bereit. Das Essen wird erst serviert, wenn der Tisch bis zum letzten Platz (10) besetzt ist. Es gibt etwa 8 Gänge. Schweinefleisch, Fisch, Seafood, Gemüse, Suppe, Fisch am Stück, etc.

Um uns herum schleichen Kids die Getränkedosen einpacken wollen. Sie werden vom Polizisten verjagt, doch sie kommen wieder. Es ist ein gutes Geschäft für sie und ihre Familien. Und ab und zu bekommen sie von einem Besucher etwas zugesteckt. Aber dieses Szenario bringt uns auf den Boden der Realität zurück. In diesem Zelt spielt sich ein Theater mit viel Prunk und Reichtum ab. Aber die Realität sieht anders aus und ist allgegenwärtig.
Als wir gehen wollten haben wir noch den Bräutigam getroffen. Er sah etwas mitgenommen aus. Doch er war froh, dass er normale Kleidung tragen durfte. Gegessen hat er noch fast nichts.
Die ganze Hochzeit war eine tolle Erfahrung. Aber dennoch hoffe ich, dass ich nicht so schnell wieder an eine Hochzeit eingeladen werde.
EDIT: Sothea, mein Sprachlehrer hat mich heute gefragt, ob ich auch Wein getrunken habe. Diese Frage war ein wenig komisch, denn ausser Wiskey und Bier habe ich keinen Alkohol gesehen. Schliesslich habe ich herausgefunden, dass er den Wisky meint. Er sagte, für sie ist das Wein. Ist schliesslich in einer schönen Schachtel verpackt. Und tatsächlich. Wein heisst auf Khmer: “Sra” Bier ist “Sra Biea” also Bierwein und Wisky ist “Sra Wiskey” also Wisky Wein.
EDIT2: Wie erwähnt war der offizielle Fotograf anwesend. Ich habe jedoch auch jede Menge Bilder geschossen. Heute hat mir Sothea erzählt, dass Gäste ihn darauf angesprochen haben “Oh, das ist aber super, dass ihr einen Ausländischen Fotografen anstellen könnt”. Hat scheinbar Eindruck hinterlassen ;)