Gesundheitsversorgung in Kambodscha

Written by chris on Juli 24th, 2012

Seit ich wieder in Kambodscha zurück bin, bin ich auf verschiedene Art und Weise mit dem Kambodschanischen Gesundheitssystem in Berührung gekommen. Vor zwei Wochen erhielt ich um Mitternacht ein Telefon von Bunny, meinem “kleinen Bruder” hier in Kambodscha. Sein Bruder hat sein Moto in ein Auto gerammt und liegt im Spital. Ein wenig später waren wir dann auch schon dort. Dass ein Unfall Leben verändern kann erscheint logisch. Aber in Kambodscha gibt es keine Versicherung oder Vorsorge. Somit kann ein Unfall eine ganze Familie in heftige finanzielle Probleme Stürzen. In Phnom Penh wird grundsätzlich jeder verunfallte von einer Ambulanz abgeholt. Ob er dann im Spital behandelt wird hängt oft damit zusammen ob er Geld bei sich hat. Es kommt nicht selten vor, dass einer einfach im Notfall liegen bleibt bis jemand Geld vorbei bringt. Oft ist es bis dann zu spät. Spitäler erhalten sehr wenig Unterstützung aus der öffentlichen Hand und haben somit keinen Spielraum um Patienten aufzunehmen, die Ihre Versorgung nicht selber finanzieren können.

Umso mehr waren wir erstaunt, dass Bunnys Bruder schon im Röntgen lag, als wir angekommen sind. Callmette ist ein Spital, das von Frankreich unterstützt wird und verhältnismässig hohen Standard anbietet. Bunnys Bruder hatte Glück, dass er in ein solches Spital gebracht wurde und nicht in eine privat Klinik oder das Regierungsspital. Private Spitäler sind oft schlecht ausgerüstet und die Ärzte sind nicht gut ausgebildet. Diese Kliniken senden in der Nacht ihre Ambulanzen auf Streife. Sie hören den Polizeifunk ab und versuchen so schnell wie möglich den Nächsten Patienten einzusammeln. Oft mit verheerenden Folgen, weil diese Patienten in den Privatkliniken nicht sauber oder gar nicht behandelt werden.

Bunnys Bruder hatte Glück im Unglück. Er hatte sich den Oberschenkel gebrochen und sich einige Schürfungen im Gesicht zugezogen. Erstaunlicherweise wurde er relativ schnell fürs Erste verarztet und in ein Zimmer eingeliefert. Das Zimmer hat 3 Betten. Keine Klimaanlage aber ein Ventilator. Im ersten Bett liegt ein Franzose. Ihm wurde das Bein amputiert. Er ist schon seit zwei Monaten im Spital. Auf der anderen Seite ein Kambodschaner mittleren Alters. Ihm hängen viele Schläuche aus dem Bauch. Bunnys Bruder bewegt sich nach wie vor nicht wirklich. Im Spital steht so quasi nichts zur Verfügung. Darum war es nötig das wichtigste zu organisieren. Bettpfanne, Wasser, etwas zu essen, Zahnbürste, Seife. Viele Leute halten sich im Zimmer auf. Oft bleibt die ganze Familie mit dem Patienten im Spital und kümmert sich um ihn. Weil nicht immer alle Platz haben richten sich Angehörige ausserhalb des Spitalblocks ein.

Mittlerweile ist es 3 Uhr morgens. Es fühlt sich im Spital an, wie wenn es mitten am Tag ist. Viel Hektik, viele Leute. Als Bunnys Bruder schliesslich platziert wurde und wir die erste Rechnung bezahlt haben machten wir uns dann auf den Nachhause weg.

Die Anzahl der Verkehrsumfälle in der Nacht ist horrend. Nach etwa 9 Uhr herrscht Hierarchie auf der Strasse. Die Polizei macht Feierabend um etwa 7 Uhr. Die Ampeln stellen ab und der Verkehr nimmt ab. Die leeren Strassen führen dazu dass viele vor allem junge Fahrer die Geschwindigkeit Ihrer Motorräder ausnützen. Oft ohne Helm und mit Alkohol im Blut. Und ohne Rücksicht auf Verlust. Regelmässig fahren wir an Unfallstellen vorbei. Falls der Unfallverursacher flüchten kann, tut er das auch. Bleibt einer verletzt liegen passiert es nicht selten, dass ihm alles aus den Hosentaschen genommen wird bevor sich jemand um Ihn kümmert.

Bunnys Bruder hatte Glück. Er war viel zu schnell Unterwegs auf dem Moto eines Freundes. Der Freund hat sich rechtzeitig vom Moto gestürzt und blieb unverletzt während Bunnys Bruder die Kontrolle verlor und in ein Auto krachte. Für eine Familie wie Bunnys Familie bedeutet ein derartiger Unfall ein finanzielles Desaster. Spitalkosten, geschrottetes Moto, kaputtes Auto… Obwohl beim Letzteren hatten sie Glück. Bunnys Vater kennt den Polizeichef und muss für den Autoschaden nicht aufkommen. Ihm hat das löcherige System für einmal in die Hände gespielt.

Ich sehe weiterhin jede Nacht Jungs auf ihren Motos durch die Strassen rasen. Auch sie werden mal die Kontrolle verlieren. Das frustrierende ist, dass meistens unbeteiligte von diesen Unfällen betroffen sind.

 

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