Ein Blick hinter die Kulissen eines Katastrophentages

Written by chris on November 24th, 2010

349 Tote in Phnom Penh durch eine Massenpanik. Ich möchte euch gerne ein wenig mehr dazu erzählen. Bitte beachtet, dass dieser Bericht Informationen erhält, die mir so erzählt worden sind, oder die ich so empfinde.
„Bon bantab“ heisst Boots-Fest und wir sprechen vom Wasserfestival. In Kambodscha werden durchs Jahr etwa 20 verschiedene Feste und Anlässe gefeiert. Die grössten sind das Khmer Neujahr, Bjum ben und das Wasserfestival. Die Khmer nützen die freien Tage der ersten beiden Anlässe, um ihre Familien zu Hause zu besuchen. Und dort feiern sie zusammen. Fast alle Einwohner von Phnom Penh haben Familie in der Provinz. Sprich, sie kommen ursprünglich gar nicht aus der Stadt. In diesen Tagen ist die Stadt wie ausgestorben.
Beim Wasserfestival passiert das Umgekehrte. Kambodschaner von rundherum strömen in die Stadt. In diesen drei Tagen wird das Ende der Erntezeit gefeiert. Man dankt dem Mekong und dem Tonle Sap (Die sich in Phnom Penh übrigens treffen und wieder auseinandergehen) weil sie die Lebensader von Kambodscha wiederspiegeln. Tagsüber werden Bootrennen ausgetragen. Und am Abend gibt es jeweils ein riesen Feuerwerk. Zwischen 3-5 Millionen Menschen befinden sich auf der Strasse und möchten sich dieses Ereignis nicht entgehen lassen. Viele kommen sogar zu Fuss von ausserhalb der Stadt und verbringen die Nacht auf der Strasse.
Man muss sich das ein wenig wie Fasnacht, 1. August am Rhein und das Klosterbergfest zusammen vorstellen. Überall Markt- und Essenstände, unendlich viele Leute, ausgelassene Stimmung, so quasi „die drey scheenschde Dääg“.
Am zweiten Tag haben uns Mary, Yves und ich an die Riverfront gewagt. Alle unsere Wertsachen haben wir zu Hause gelassen und waren nur mit dem nötigen Kleingeld unterwegs. Wir genossen das Feuerwerk und sind dann der Riverfront entlang durch die Massen gegangen. Es war schön die Kambodschaner so auszulassen zu sehen. Die anderen Feiertage sind meistens religiöse Zeremonien oder ein König oder ein Politisches Ereignis wird geehrt. Doch das Wasserfestival gehört den Khmer. Wir konnten das ganze Tummeln von einem Balkon aus noch weiter beobachten. Der Insektensnackverkäufer unterhalb von uns war sehr beschäftigt. Die Menschenmassen waren immens. Das wirkliche Mass der Überdichte von Menschen wurde uns erst wirklich bewusst, als wir mit unserem Tuktuk in den Massen stecken geblieben sind. Und das etwa 1 km von der Riverfront entfernt. Kein Vorwärts, kein Rückwärts, Lexus, Autos, Tuktuks, Motorräder und vor allem Menschen wie Sand am Meer. Nicht mal zu Fuss ist man weitergekommen. Hat mich irgendwie an die Meisterfeier 2002 erinnert. Ich habe diesen Ausnahmezustand genossen. Ich bin aus dem Tuktuk gestiegen und habe ein Paar Bilder geschossen. Es war ein Amüsanter Abend.
Am Tag drauf haben wir uns dazu entschlossen nicht mehr ans Festival zu gehen. Um 2 Uhr Nachts wurde ich von Olivia aus dem Bett geholt. Ob es mir denn gut gehe? Und so habe ich erfahren, was nur wenige Kilometer von meinem Haus entfernt passiert ist. Ich konnte eine Freundin nicht erreichen. Ich wusste, dass sie am betreffenden Abend dort war. Das war sehr unangenehm. An schlafen war kaum mehr zu denken. Ok, Yves musste auch noch um 6 an den Flughafen gebracht werden. Aber trotzdem, ich war sehr aufgebracht. Es sollte sich dann herausstellen, dass ich nicht der Einzige war.
Aber was ist passiert? Es gibt eine Insel im Fluss mit dem Namen Diamanteninsel. Auf dieser Insel befinden sich sehr neue Attraktionen, wie eine Art Messehallen, Shops, Riesenrad, etc. Sie wird mit 2 Brücken mit dem Festland verbunden. Und eine diese Brücken stellte sich als Nadelöhr heraus. Was wirklich passiert ist kann noch niemand sagen. Jedermann weiss etwas Neues. Fakt ist, dass die Brücke absolut überfüllt war. Menschenmassen von beiden Seiten haben gedrückt. Es wurde unangenehm. Einige gehen davon aus, dass die Panik ausgelöst wurde, weil sie von Jugendlichen erschreckt wurden, eine andere Theorie besagt, dass 10 Menschen von der Brücke gesprungen sind um sich aus den Massen zu retten und das hätte zur Panik geführt. Wiederum andere behaupten, das Gerücht, dass die Brücke zusammenstürzen könnte habe sich verbreitet und aus anderen Quellen heisst es, dass die Polizei mit Wasserkanonen in die Menschen geschossen hat. Was es auch immer war. Die Folge sind 349 Tote und über 500 Verletzte und eine Stadt die sich in einem Albtraum befindet.
Am Morgen war die Stimmung komisch in der Stadt. Es hat sich für mich angefühlt, dass die Menschen wie realisieren, dass es kein Albtraum, sondern Realität war. Ich war mir auch nicht sicher, wie ich mit meinen Englischschülern umgehen sollte. Vielleicht haben sie jemand der Opfer gekannt? Vielleicht kommen gar nicht alle? Diese Gedanken haben sich dann Gott sei Dank als falsch herausgestellt. Doch die Stadt befindet sich unter Schock. Jeder Fernseher Läuft, jeder Kanal bringt 24 Stunden News. Mittlerweile hat sich für mich herausgestellt, dass mit ziemlicher Sicherheit niemand aus meinem Bekanntenkreis betroffen ist. Die Fahnen sind auf Halbmast. An den Strassenrändern und vor den Häusern finden sich vermehrt kleine Altäre mit Bananen, Reis, Wasser und Kerzen.
Was es damit auf sich hat, hat mir heute mein Sprachlehrer erzählt. Ein Khmer glaubt, dass der gestorbene gar nicht weiss, dass er tot ist. Und das für 7 Tage lang. Nach 7 Tagen realisiert er, dass er tot ist und dass er seine Geliebten nicht erreichen kann und wird frustriert und wütend. Er möchte Aufmerksamkeit. Die Khmer fürchten sich extrem vor diesen Geistern und erhoffen sich, dass sie mit diesen Opfergaben das Gemüt der Geister beruhigen können. Denn nur ein zufriedener Toter kann wiedergeboren werden. Die andern bleiben wütend auf der Erde.
Für viele Kambodschaner ist es auch klar, dass sie nie mehr einen Fuss auf diese Insel, geschweige denn auf diese Brücke setzen würden. Die Geister der verstorbenen sind dort heisst es. Khmer glauben, dass wenn jemand im eigenen Haus stirbt, der Geist zufrieden ist. Doch die meisten der Opfer waren weit weg von zu Hause. Folglich ist der Tod dort noch viel unglücklicher, weil der Geist des Toten nicht in seinem gewohnten Umfeld ist. Das bedeutet Unglück und das macht ihn noch mehr wütend.
Ich finde diese Auffassung vom Tod sehr interessant. Aber es hat mich auch nachdenklich gemacht. Denn der Khmer hat gar keine Möglichkeit wirklich um die Toten zu trauern. Vielmehr ist er damit beschäftigt sich vor den Geistern zu Schützen. Sie haben Angst vor diesen Geistern. Phnom Penh lebt in Angst im Moment. Sie gehen davon aus, dass sich die Geister rächen werden und noch mehr Menschen sterben müssen. Ausserdem werden die Unternehmer, die auf der Diamanteninsel investieren aufgeben können, denn so schnell werden keine Menschenmassen mehr an diesen Ort gehen. Ich wünsche mir, dass meine Mitmenschen in dieser Stadt auch Zeit finden, um zu trauern. Dass sie das geschehene verarbeiten können.
Ich will noch sagen, dass ich extrem dankbar bin, dass wir uns entschieden haben, an diesem Tag nicht an dieses Fest zu gehen. Ich bin dankbar, dass keiner von unseren Mitmenschen betroffen war. Auch nicht indirekt. Meine Gedanken und Gebete sind bei den Menschen, die unter sehr einfachen Umständen in den Spitälern liegen und bei den Menschen, die ihre Nächsten verloren haben und bei alle denen, die verängstigt sind.
Soviel von meiner Seite, ich hoffe ich konnte euch einen kleinen Einblick hinter die Kulissen geben. Falls noch etwas Interessantes passiert, werde ich ein Update schreiben und Bilder werden noch kommen.
Dankeschön an alle, die sich nach meinem Wohlbefinden erkundigt haben oder an mich gedacht haben, als sie von den News hörten.

 

1 Comments so far ↓

  1. Pascal schwendener sagt:

    Hallo christoper

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