Khmer Krohom (Rouge)

Written by chris on Oktober 25th, 2010

Khmer Krohom

In letzter Zeit fällte es mir ein wenig schwierig, Themen zu finden die euch interessieren könnten. Deswegen ist auf meinem Blog auch viel weniger los wie auch schon. Für mich pendelte sich hier in Kambodscha das Alltagsleben ein. Ich bin mir das Land mehr und mehr gewohnt und es ist schwieriger neue Dinge zu finden, die euch interessieren können.

Doch dies würde ich gerne mit euch teilen. Dieses Wochenende war in Phnom Penh ein Filmfestival. Das ist insofern interessant, weil es in Phnom Penh etwa ein richtiges Kino gibt, welches eigentlich fast nur Khmer Horrorfilme zeigt. Doch das Programm dieses Festivals war eindrücklich. Fast 60 Filme innerhalb von 4 Tagen wurden gezeigt. Lokale und internationale Produktionen. Am Freitag entschied ich spontan einen Film der in Bangkok spielt zu schauen. Ich war beindruckt, denn die Räumlichkeit des Phnom Penh Cultural Center beherbergt ein riesiges, voll funktionstüchtiges Kino. Leider waren wir nur etwa 20 Zuschauer. Der Produzent und das Team waren auch anwesend. Der Film, vor einer Woche fertig gestellt, ein Krimi der in einer Pagoda in Bangkok spielt. Ein Waise wird ermordet, ein Mönch mit einer Vergangenheit in der Polizei kümmert sich um den Fall, weil die Thailändische Polizei keine Zeit hat, den Mordfall eines Waisen zu verfolgen. Schlussendlich deckt dieser Mönch einen grösseren Drogenring innerhalb des Klosters auf, der Mörder, ein anderer Mönch. Eine überraschend spannende Story in einem interessanten Umfeld eines Thai-Buddhistischen Klosters.

Aber ich möchte euch gar nicht von diesem Film erzählen… Ok, schon passiert. Anyway, Mary und ich entschieden dass wir am Samstagabend noch einen anderen Film schauen gehen wollen.  „Lost Loves“, eine Khmer Geschichte von einem Kambodschanischen Produzenten, Premiere. Mit der Erwartungshaltung, dass das Kino auch wieder menschenleer sein wird sind wir leicht verspätet angekommen. Falsch gedacht. Scheinwerfer senden Lichtsäulen in den Himmel. Lexus wohin das Auge reicht, ein Roter Teppich, scharenweise Journalisten. Das hatten wir nicht erwartet. Mit ein wenig Vertrauen auf unser Glück fragten wir nach Tickets. „Sorry, only with invitation.“ Wow, scheint ein wirklich wichtiger Anlass zu sein mit wirklich wichtigen Leuten. Doch man riet uns ein Paar Minuten zu warten, evt würden Plätze frei. Tatsächlich wurden wir eine Minute später in den Saal gebeten. Zwei Plätze für uns in der hintersten Reihe. Nach der Kambodschanischen Hymne noch eine Ansprache vom Veranstalter und viele Worte vom Produzenten und dann geht es los.

Es geht um eine Frau, die von ihrem Schicksal in der Zeit der Khmer Rouge Schreckensherrschaft erzählt. Es war offensichtlich, dass es kein vergnüglicher Abend würde.

Die Kambodschanische Geschichte ist schwierig und verstrickt. Die verschiedenen Ereignisse sind sehr schwer in eine Reihenfolge zu bringen. In den späteren 50er Jahren löste sich ein aufstrebendes Kambodscha von der Kolonialherrschaft von Frankreich. Es war einer der Höhepunkte dieser Nation. Doch dann kam der Vietnamkrieg. König Sihanouk versuchte das Land aus der Affäre zu halten. Aber unter Druck machte er zuerst den Amerikanern, aber dann auch den Vietnamesen Versprechungen. Schlussendlich griffen die Kriegshandlungen auch auf Kambodscha über. Die Amerikaner setzten Genera Lon Nol an die Spitze des Landes. Dieser wurde mitten der 70er Jahre von den roten Khmer gestürzt. Pol Pot und sein Schreckensregime übernahmen die Macht. Sie formten den Staat zu einem gnadenlosen ultrakonservativen Staat. Kambodscha wurde zu einer riesigen Agrarfabrik unter widerlichsten Umständen für die Einwohner. Eine ultimative Gleichheit sollte geschaffen werden. Und hier knüpft die Geschichte an.

Die Hauptdarstellerin blickt zurück auf ihr Familienleben in Phnom Penh in einem grossen Haus. Sie lebt zusammen mit ihren Kindern, ihrem Vater, ein ehemaliger Lon Nol General, und ihren Geschwister in einem grossen Haus. Ihr Mann kämpft an der Front. Die Khmer Rouge übernehmen das Regime und alle Bewohner von Phnom Penh wurden aufs Land vertrieben und in die verschiedenen Dörfer verteilt. Mittlerweile wurde der Vater herausgepickt und aufgrund seiner Armee Vergangenheit am Strassenrand exekutiert.  Den Kambodschaner wurde jeglicher Besitz untersagt und sie wurden zur Arbeit auf den Feldern gezwungen. Im Laufe der Geschichte verliert die Erzählerin ein Familienmitglied nach dem Anderen. Ein Bruder wird dabei erwischt wie er mit einem Kassettengerät Musik hört. Er wird zu Tode geprügelt. Die anderen Brüder werden von der Familie getrennt um in Steinbrüchen zu arbeiten. Der eine Bruder wird eines Nachts aus dem Schlafsaal gezerrt, zu Tode geprügelt und wieder zurückgelegt. Der andere Bruder muss seine Brille vernichten, denn jede Person die nur den geringsten Anschein von Bildung hatte wurde exekutiert.

Mittlerweile erlitt ihre Schwester auf dem Feld eine Fehlgeburt, wie sie trotz Schwangerschaft weiterarbeiten musste, ihre Tochter ertrinkt im Fluss, ihre Kinder werden von ihr getrennt, eine Tochter stirbt an Unterernährung. Das Essen wurde krass rationiert. 3 Teelöffel Reis-Porridge am Morgen und 3 Teelöffel am Abend. Tönt dramatisch, ist es auch. Das schlimme ist, es ist gar noch nicht lange her. Vor 31 Jahren wurde diese Schreckensherrschaft zerschlagen. Die Khmer Rouge waren noch bis Mitte der 90er in Kambodscha aktiv. Kambodscha befindet sich in einem Aufarbeitungsprozess. Es ist ein traumatisiertes Land. Jeder Khmer denn ich kennenlerne kann mir eine Geschichte erzählen. Fast alle haben mindestens ein Familienmitglied verloren. Choeun zum Beispiel wurde in einem Flüchtlingslager in Thailand geboren. Er ist ohne Vater aufgewachsen.

Es fällt schwer sich mit diesen Themen auseinander zu setzen. Aber ich denke es ist wichtig um die hiesige Kultur zu verstehen. Wieso sind die Menschen hier so wie sie sind? Wo kommt diese Skepsis her? Warum reagieren sie in gewissen Situationen völlig anders, wie wir es gewohnt sind? Warum können sie nicht einfach „nein“ sagen? Und genau da wird bewusst, dass diese Geschichte wirklich noch nicht lange her ist.

Nach dem Film war eine komische Stimmung im Kino. Natürlich, verständlicherweise. Mary und ich hatten dieselben Fragen im Kopf. Wie fühlen sich die Menschen in diesem Saal, die genau dasselbe durchgemacht haben? Oder sitzen evt. Ehemalige Täter in diesen Reihen? Was geht in diesen Menschen vor, wenn sie diese Bilder vorgeführt kriegen?

Unumstösslich ist, dass alle Kambodschaner die älter als 30 sind direkt von dieser schlimmen Phase betroffen sind. Nur die einzelnen Menschen wissen, was sie selbst durchgemacht haben. Und viele von diesen Menschen werden diese Erinnerungen mit ins Grab nehmen. Sie wollen dieses Kapitel abgeschlossen haben und möchten sich nicht mehr zurückerinnern.

Mary drückte grossen Respekt gegenüber diesen Menschen aus. Sie hat recht.

Wenn ihr an mehr Informationen über die Khmer Rouge interessiert seit, könnt ihr auf  Wikipedia weiterlesen.

Bitte beachtet, dass ich nicht für die Richtigkeit meiner Ausführungen garantieren kann. Der Artikel ist nach meiner persönlichen Auffasung der ganzen Geschichte geschrieben.

 

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